Geschichten

Viola

Meine Eltern waren großartig. All das, was ihnen als Kriegskinder der einfachen Mittelschicht nicht möglich war, durften wir erleben. Zum Beispiel Musik machen.

Ich war 10 Jahre alt und lernte Geige. Die Herausforderung lag aber bei meinen Eltern. Das ist mir heute klar. Ich bewundere sie für ihr Wohlwollen und ihre Geduld. Jahrelanges Gequietsche beim Üben. Und hinterher noch loben. Hört sich doch schon ganz gut an. Danke an meine Eltern! Heute weiß ich das zu schätzen.

Die Musik hat mir andere Welten eröffnet. Vielleicht auch meine Kinderseele gerettet. Ich durfte abtauchen. Niemand störte mich beim Üben. In diesen Augenblicken war ich frei. Heute würde ich sagen, es war wie eine Meditation. Kein Platz für Gedanken. Für Sorgen. Für Druck. Für Traurigkeit. Nur für die kleinen schwarzen Noten, meine Finger und die Melodie, die entstehen wollte. Ich liebte Variationen. Ich spielte sie wieder und wieder. Faszinierend, wie das Gleiche anders klingen kann, wenn man nur den Rhythmus änderte, die Betonung oder die Geschwindigkeit.

Und ich liebte das Streichquartett.

Das war die Zeit, in der ich auf Bratsche umgestiegen war. Die Italiener sagen Viola. Mein Geigenlehrer war der Meinung gewesen, meine langen Finger seien prädestiniert, Viola zu spielen. Wunderbar. Ein nur 8cm größeres Instrument, aber eine Quinte, also 5 Töne tiefer. Ein wohliger warmer Ton. Ich war begeistert. Und ich hatte einen Platz im Quartett. Und auch einen im Jugendorchester.

Beim Quartett Spielen und im Orchester erwachte mein Faible für das Miteinander. Wo kann man Miteinander besser lernen, als in einem Orchester? Viel später nach dem Abitur bot sich mir die Chance im Uni-Orchester zu spielen (obwohl ich gar nicht studierte). Nur wenige Dinge danach haben mich in ähnlicher Weise derart Herz-erfüllt. 80 Musikbegeisterte. Eine romantische Symphonie. Die Musizierenden im Raumklang mittendrin. Da hat sich das Leben für diese dreiviertel Stunde schon gelohnt.

Und genau daran mache ich Entwicklung fest: Diese göttlichen Geschenke, die wir immer und immer wieder hier in unserem irdischen Sein bekommen, als solche zu erkennen.

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